Großstadt ade, jetzt geht es in die Berge. Wir haben uns vorgenommen, möglichst weit von dem Erdbebengebiet weg zu kommen. Es gibt nördlich von der geplanten Route noch eine kleine Straße über den Atlas. Diese soll laut OSM gut befahrbar sein. Und sie ist von Marrakech aus auch schnell auf direktem Weg erreichbar. Also nichts wie los.
Als wir auf die Hauptstraße einbiegen, traue ich meinen Augen nicht: Da hat doch eine Tankstelle tatsächlich einen SB-Waschplatz. Wahrscheinlich der einzige in ganz Marokko. Also kurzer Boxenstopp und den gröbsten Schlamm weggespült.
Dann geht es flott weg von Marrakech. Straße und Wetter sind gut, wir kommen flott voran. Flaches grünes Land mit großen Getreidefeldern. Bald tauchen seitlich am Horizont die Berge auf, auf die wir schräg zufahren. Irgendwann der erste schneebedeckte Gipfel.
Dann geht es rein in Berge. Die Straße windet sich hoch bis zu einem kleinen Ort mit einer schönen Aussicht über einer Schlucht. Hier zweigt unsere kleine Straße über den Hohen Atlas ab und hier machen wir erst einmal ein Mittagspäuschen.
Die Straße hat das Attribut "klein" zu recht verdient. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit verlangsamt sich zusehends, zumal es immer bergauf geht und nie geradeaus. Gelegentlich gab es auch hier Erdrutsche, aber seltener, und das hat man nicht zum Anlass genommen, die ganze Straße wegzufräsen. Stattdessen wurde das ganze Gerümpel einfach ein wenig beiseite geschoben oder man fährt einfach drum herum.
Dann passiert das erste Unglück. Wolfgang (vorne) muss in einer steilen Kurve anhalten, da vor ihm ein alter klappriger Kastenwagen zum Stehen kommt. Er rutscht etwas nach hinten, kann die Maschine aber halten. Jürgen (zweiter) muss dadurch ebenfalls schnell halten, erwischt aber einen schlechten Platz und der Fuß taucht ab ins Leere. Plumps. Der Kastenwagen kommt doch wieder in Fahrt und Wolfgang, der von dem Umfaller gar nichts mitbekommen hat, kann sogar daran vorbeiziehen. Weg isser.
Jürgen und ich bekommen die Maschine schnell wieder auf die Beine. Allerdings hat ein Koffer etwas gelitten. Solange es nicht regnet, kein Problem.
Umso weiter wir in die Berge kommen, umso enger wird die Straße und umso häufiger und länger werden die Stellen, an denen es keinen festen Fahrbahnbelag mehr gibt. Vielleicht ist er durch die Hochwasser im Frühjahr weggespült (es gibt viele Furten), vielleicht liegt der auch noch unter dem Sand, der von den Berghängen herunter gespült wurde, oder vielleicht gab es ihn auch nie.
Einige Bäche müssen wir durchqueren und auch den ein oder anderen Fluss. Einmal bleibt Wolfgang dabei im Kies stecken. Dank Goretex-Stiefel kein Problem, mit etwas Schub von hinten ist das schnell erledigt. Ein etwas breiterer Fluss hat eine ziemlich reißende Strömung. Das Problem ist, dass man die Tiefe nicht abschätzen kann. Jürgen nimmt dies Sache mit ordentlich Schwung, was auch funktioniert. Wolfgang und ich können es also etwas gelassener angehen.
Es geht den ersten "richtigen" Pass hinauf. An der Straßenseite liegt jetzt Schnee am Hang, die ursprüngliche Fahrbahndecke ist nur noch rudimentär vorhanden. Auf einer Höhe von 2943m ist der Scheitelpunkt erreicht. Erstmal Pause machen. Nach einer Weile hält ein uralter kleiner Citroen. Vier Männer steigen aus, zwei legen ihre Teppiche aus und beten erst einmal. Dafür, dass sie hier heil hochgekommen sind, oder in weiser Voraussicht, was noch kommt? Wir wissen es nicht.
Es wäre sinnvoll gewesen, denn ab jetzt gibt es jetzt nur noch Piste. Es geht steil abwärts mit großen Steinen im Boden von Kehre zu kehren. Ich bin in der Mitte, sehe Wolfgang plötzlich nicht mehr hinter mir. Ich halte an, er kommt aber nicht. Also zurück. Wenden ist hier aüßerst schwierig. Ich lasse das Motorrad stehen und mache mich zu Fuß auf den Weg. Hinter der nächsten Kehre immer noch nichts. Es wird immer steiler und ich merke, dass ich in dieser Höhe mit den schweren Sachen am Leib ganz schon kurzatmig werde. In der nächsten Kehre liegt er dann. Unglücklicherweise sehr steil, so dass wir das Motorrad nicht aufgerichtet bekommen. Also das ganze Gepäck abladenn. Dann gelingt es, muss nur noch irgendwie abgestellt und gesichert werden.
Irgendwann kommt auch Jürgen dazu. Er war ja schon weiter unten und hat hatte sich ebenfalls zu Fuß aufgemacht, das Unternehmen dann aber doch nach einiger Zeit aufgegeben. Er ist dann mit dem Motorrad weitergefahren, bis er einen Platz zum Wenden gefunden hat.
Wolfgangs Maschine hat es stärker erwischt, da sie auf der Seite etwas gerutscht ist. Ein Blinker ist weg genauso wie ein Stück von der Verkleidung und einen Koffer hat es ebenfalls getroffen. Aber die Maschine ist fahrbereit, Blinker interessieren hier eh niemanden (sind ja auch bei uns aus der Mode gekommen).
Jetzt fängt die Zeit an, uns davonzulaufen. Wir sind am Point of no return. Ein Pass liegt noch vor uns. Wir entscheiden uns weiterzufahren, es ist noch ca. eineinhalb Stunden hell. Und tatsächlich, irgendwann wird die Straße zumindest wieder etwas besser. Der zweite Pass bringt uns auf exakt 3000m. So langsam beginnt es zu dämmern. Aber es tauchen auch schon wieder die ersten Häuser auf. Kurz bevor es ganz dunkel ist, kommen wir an den Rand einer Siedlung. Wir halten, und wie das hier so ist, sofort ist jemand da. Und es gibt hier tatsächlich jemanden, der ein Zimmer hat.
Wir landen bei einer Berberfamilie, die zwei Räume in ihrem doch recht rustikalen Haus vermietet. In dem einen übernachtet eine Italienerin, die zu Fuß mit einem Führer durch die Berge wandert. Der schläft auf einer Matratze im Flur. Wir haben ein Zimmer mit drei Betten und sonst gar nichts. Ein Waschbecken befindet sich ebenfalls im Flur. Als wir das Haus betreten wollen, heißt es erst einmal: Stiefel aus. Da das eine ziemliche Prozedur ist, holen wir zunächst das nötige Gepäck von den Motorrädern, die ein Stück oberhalb des Hauses parken. Die direkte Zufahrt ist nicht befahrbar. Es ist mittlerweile stockfinster.
Immerhin bekommen wir nach dem obligatorischem Tee noch eine Mahlzeit: Eine nicht definierbare Suppe und eine leckere Tagine mit viel Zwiebeln, Tomaten und Eiern. Dazu einen riesen Berg Brot. Anschließend fallen wir nur noch ins Bett.
![]() |
||||||||
| Tagesetappe: | 247 km | von | Marrakech N31° 38.344' W7° 58.771' |
nach | Ameskar N31° 30.172' W6° 15.997' |
|||
| Gesamtstrecke: | 4226 km | |||||||
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |








