Ein Tag auf See. Und viel Zeit, um einmal Bilanz zu ziehen.
Marokko war mal wieder ein ganz herausragendes Erlebnis. Auf dieses Land muss man sich auf ganz besondere Art und Weise einlassen. Man muss sich hinein fallen lassen und sich mit seinem speziellem Takt synchronisieren. Wenn man vergleicht oder gar bewertet, hat man schon keine Chance mehr, zu begreifen.
Wir waren drei Wochen lang in Regionen unterwegs, die unterschiedlicher kaum sein können. Eines haben sie alle gemeinsam: Die Gelassenheit, mit der die Menschen durch ihren Alltag gehen. Egal wie dieser aussieht. Denn die Spannweite ist riesig, der Unterschied zwischen arm und reich teilweise extrem. Aber die Menschen bleiben nicht in ihren Gettos, alles vermischt sich irgendwie. Und auch die ärmsten bekommen immer etwas ab, sind wahrscheinlich auch darauf angewiesen.
Diese Hilfsbereitschaft gilt auch gegenüber Fremden, gepaart mit dem enormen Kommunikationsbedürfnis und der Neugier der Menschen. Da mag in den touristisch belebten Gebieten sicher auch eine gute Portion Gengeschäftssinn dahinter stecken, warum auch nicht. Aber wenn man an einem abgelegeneren Ort anhält, wird man oft gefragt, ob man ein Problem hat, und nicht, ob man etwas kaufen möchte. Oder man wird einfach nur in ein Gespräch verwickelt, wenn es denn sprachlich möglich ist.
Und das ist oft so paradox wie das Land insgesamt. Ein Beispiel: Während der Wartezeit am Hafen in Nador komme ich mit einem Straßenverkäufer ins Gespräch. Er spricht gut Deutsch, war längere Zeit in Köln, wurde dann abgeschoben. Er versucht jetzt, Neuankömmlinge von der Fähre abzufangen und ihnen SIM-Karten zu verkaufen. Und er warnt mich eindringlich davor, SIM-Karten auf der Straße zukaufen, sondern immer in einen offiziellen Laden einer Telefongesellschaft zu gehen.
Man könnte so eine Vorgehensweise als naiv bezeichnen. Man kann sie aber auch als Beispiel dafür sehen, wie das Land funktioniert. Jeder macht einfach drauf los sein Ding, aber eigentlich grundehrlich. Denn es wissen ja alle, das man versucht, sein kleines Stück vom großen Kuchen abzubekommen. Und das steht ja auch jedem zu.
Ein weiteres Feld, die Funktionsweise eines Landes zu verstehen, ist immer auch der Straßenverkehr. Auch hier hat man als Europäer erst einmal das Gefühl von Chaos. Aber ganz das Gegenteil ist der Fall. Natürlich versucht wieder jeder, der erste zu sein und voranzukommen. Der Kernpunkt dabei ist aber, nicht auf irgendwelche Regeln zu bestehen, sondern aufeinander zu achten und Kollisionen zu vermeiden. Wenn ich auf eine stark befahrene Straße auffahren will und warte, bis sich da mal eine Lücke ergibt, verliere ich viel Zeit. Und alle anderen hinter mir auch. Wenn ich aber einfach drauf los fahre und darauf vertraue, dass sich dann die Lücke von alleine auftut, kommen alle schnellerer voran. Und die Lücke tut sich auf.
Mit dem Motorrad in diesem Land unterwegs zu sein ist noch einmal eine Nummer für sich. Wie überall auf der Welt kommt man damit schneller in Kontakt mit den Menschen und auch auf eine andere Art und Weise. Entweder sind die Menschen fasziniert, oder sie kennen sich aus und sehen sofort, dass wir mal wieder viel zu viel Zeug mitgeschleppt haben. Eigentlich sollten die zweit Innentaschen in den Koffern ausreichen, das Topcase war eigentlich über und beherbergt nur noch die überflüssigen Sachen. Plus die Tanktasche für das, was griffbereit sein muss wie z.B. die Kamera, und die schweren Sachen wie ein wenig Werkzeug.
Zu den schweren Sachen zählt auch das Bremsscheibenschloss, womit wir beim Thema Sicherheit wären. Das Teil ist das überflüssigste überhaupt, ich habe es nicht ein einziges Mal benutzt. Im Gegenteil, ich habe die Maschine oft gar nicht abgeschlossen, da das bei mir nur in einer bestimmten Lenkerposition geht, mit der das Parken manchmal unglücklich ist. Ich habe nie das Gefühl von Unsicherheit gehabt. Natürlich standen wir über Nacht meist im Hof oder gar in einer Garage. Aber auch tagsüber irgendwo in einem Ort hatte man wieder das Gefühl: Hier achtet jeder das Eigentum des anderen.In Fès ist mir unbemerkt das Telefon aus der Hosentasche gefallen. Einer der sicherlich äüßerst schlitzohrigen "Stadtführer" hat es gesehen und nicht nachgelassen, wir hinterherzurufen, bis ich reagiert habe. Und hat sich anschließend verabschiedet. Es dauert eine Weile, die "German angst" zu überwinden. Hat man aber erst einmal Vertrauen gefasst, fühlt man sich unheimlich leicht.
Mit einer geklauten Motorrrad käme man wahrascheinlich eh nicht weit. Die allgegenwärtigen Checkpoints lassen schon ein zwiespältiges Gefühl zurück. Außer im Grenzgebiet zu Algerien wurden wir zwar immer durchgewunken. Man fragt sich aber schon, was der Staatsapparat damit bezweckt. Wenn überhaupt ein System dahinter steckt, denn es sind ja auch mehrere Behörden, die da unterwegs sind. Bleibt noch zu erwähnen, das es auch viele Geschwindigkeitskontrollen gibt (in der Regel gut getarnt mit Laserpistolen durchgeführt). Auch hier wurden wir nie belästigt, obwohl wir meist die nicht immer nachvollziehbaren Geschwindigkeitsbeschränkungen ortsüblich locker genommen haben.
Insgesamt hat uns allen die Tour viel Spaß gemacht, auch wenn es den ein oder anderen Kollateralschaden gab. Keiner hat sich ernsthaft verletzt, alle haben die zunächst ungewohnte Kost vertragen. Die Stimmung untereinander war bestens, wir sind uns immer schnell einig geworden über anstehende Aktivitäten. Dazu trägt die kleine Gruppengröße sicherlich maßgeblich bei, aber auch das Grundverständnis, wie man so eine Reise angeht.
Die nächste Tour kann geplant werden.
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| Tagesetappe: | 1164 km (Seeweg) |
von | Nador N35° 16.215' W2° 55.543' |
nach | Sète N43° 24.271' E3° 42.327' |
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| Gesamtstrecke: | 5274 km (Landweg) |
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